Ich gebe es ja zu: Als ich vor gut vier Jahren zum ersten Mal auf Holacracy gestoßen bin, dachte ich: „Wieder so ein Buzzword aus der Startup-Blase." Ein System, das Hierarchien abschaffen will? Klingt nach Anarchie mit Meeting-Overkill. Ich lag falsch. Und richtig. Aber größtenteils falsch.
Nachdem ich selbst in einem Unternehmen gearbeitet habe, das Holacracy eingeführt hat, und nachdem ich Monate damit verbracht habe, die Verfassung zu studieren und mit Teams zu sprechen, die es gelebt haben – und solche, die daran gescheitert sind –, kann ich sagen: Holacracy ist kein Allheilmittel. Aber es ist auch kein Hype. Es ist ein chirurgisches Werkzeug für Organisationen, die unter der eigenen Komplexität ersticken. Und es ist gnadenlos ungeeignet für alle anderen.
Wichtige Erkenntnisse
- Holacracy ersetzt Stellenbeschreibungen durch flexible Rollen – und das ist der radikalste Unterschied zur klassischen Hierarchie.
- Es basiert auf einer schriftlichen Verfassung, die Macht und Entscheidungswege definiert, nicht auf Personen.
- Bekanntestes Beispiel: Zappos. Aber auch viele andere Firmen haben es versucht – mit gemischtem Erfolg.
- Die Nachteile sind real: hohe kognitive Belastung, kulturelle Reibung und ein Meeting-System, das am Anfang überfordert.
- Holacracy eignet sich nicht für kleine Teams ohne operative Komplexität – und nicht für Unternehmen, die eine schnelle Lösung für Führungsprobleme suchen.
Was bedeutet Holacracy? Eine Definition, die wehtut
Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Holacracy – manchmal auch Holokratie oder, wenn man es falsch googelt, Holocracy – ist ein Managementsystem. Aber kein weiches. Es ist ein Betriebssystem für Organisationen, das mit der traditionellen Management-Hierarchie bricht. Die Entscheidungsbefugnis wird dezentral an Untereinheiten verteilt: an Kreise und Rollen.
Der entscheidende Satz in der Definition, den ich erst nach Monaten wirklich verstanden habe: „Holacracy beschreibt eine organisationale Praxis, welche die Entscheidungsbefugnis dezentral an Untereinheiten der Organisation, Kreise und Rollen verteilt." Das ist kein „Wir machen jetzt alle Meetings und jeder darf sagen, was er denkt." Das ist eine klare, fast juristische Struktur.
Entwickelt wurde das Ganze von Brian Robertson, einem Software-Unternehmer, der sich an der Soziokratie orientierte. Er schrieb eine Verfassung – die Holacracy-Verfassung – die unter einer Creative-Commons-Lizenz steht. Jeder kann sie lesen, jeder kann sie nutzen. Und genau das habe ich getan: Ich habe sie ausgedruckt, gelesen, und war erstmal verwirrt.
Ehrlich gesagt: Die Verfassung liest sich nicht wie ein Management-Buch. Sie liest sich wie ein Gesetzesdokument. Das ist Absicht. Sie soll keine Interpretationsspielräume lassen. Das ist Fluch und Segen zugleich.
Die richtige Aussprache – und warum sie nervt
Kleiner Exkurs, weil ich ständig danach gefragt werde: Die Holacracy-Aussprache ist englisch: „Hohl-uh-kruh-see". Nicht „Hoh-lah-krats-ee". Ich habe es selbst jahrelang falsch gesagt. Klingt elitär? Ist es auch ein bisschen. Aber wenn du in einem Governance-Meeting sitzt und es falsch aussprichst, wirst du korrigiert. Trust me. Ich wurde es.
Wie funktioniert Holacracy? Die Mechanik hinter dem Hype
Hier wird es konkret. Und hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Denn Holacracy ist kein „Lass uns mal ausprobieren"-Modell. Es ist ein System mit harten Regeln.
Rollen statt Stellen: Der fundamentale Shift
In einer traditionellen Firma hast du eine Stelle. Du bist „Marketing Manager". Deine Stellenbeschreibung ist ein Text, der oft ein Jahr alt ist und wenig mit dem zu tun hat, was du wirklich tust.
In Holacracy hast du Rollen. Eine Rolle ist ein Bündel von Verantwortlichkeiten, Befugnissen und Zwecken. Du kannst fünf Rollen haben – und in jeder agierst du anders. Eine Rolle kann heißen: „Social-Media-Publizierer". Eine andere: „Datenqualitäts-Champion".
Und hier der Clou: Die Rollen sind in Kreisen organisiert. Jeder Kreis hat einen Kreis-Lead, der die Rollen besetzt – aber nicht wie ein Chef kontrolliert. Der Lead hat klare Grenzen. Er kann dir nicht sagen, wie du deine Arbeit machst. Er kann nur sicherstellen, dass die Rolle besetzt ist und dass die Ergebnisse stimmen.
Ich habe das am eigenen Leib erfahren. In meinem ersten Monat in einer holacratischen Organisation hatte ich sechs Rollen. Ich wusste morgens nicht, welche „Person" ich heute bin. Das war anstrengend. Aber es war auch extrem klar. Jede Rolle hatte ein Purpose-Statement, das genau definierte, warum sie existiert.
Die zwei Meeting-Typen: Wo die Magie (und das Leiden) passiert
Holacracy kennt zwei Arten von Meetings, und wer sie nicht ernst nimmt, scheitert:
- Governance-Meetings: Hier ändert du die Struktur. Du fügst Rollen hinzu, änderst Verantwortlichkeiten, definierst Richtlinien. Diese Meetings folgen einem strikten Prozess der integrativen Entscheidungsfindung. Jeder Vorschlag wird nach bestimmten Kriterien geprüft. Es dauert. Es nervt. Aber es verhindert Chaos.
- Tactical-Meetings: Hier geht es um den Betrieb. Was ist heute zu tun? Welche Spannungen (ja, das Wort wird benutzt) gibt es? Jeder teilt seine Prioritäten. Keine Diskussion über Struktur. Nur operative Koordination.
Spoiler: Die ersten drei Governance-Meetings in meinem Team waren eine Katastrophe. Niemand kannte die Regeln. Wir diskutierten über Kleinigkeiten, weil wir nicht wussten, was „gültiger Einwand" bedeutet. Aber nach vier Wochen hatte sich ein Rhythmus eingestellt. Und plötzlich waren Entscheidungen, die vorher Monate brauchten, in 30 Minuten erledigt.
Welche Beispiele gibt es für Holacracy? Zappos, Babbel und der Rest
Das bekannteste Beispiel ist Zappos – der Online-Schuhladen, den Amazon gekauft hat. CEO Tony Hsieh führte 2013 Holacracy ein. Und zwar radikal: Er sagte seinen Mitarbeitern: „Macht mit oder geht." Rund 14 % verließen das Unternehmen. Das war die Geburtsstunde des öffentlichen Holacracy-Images: brutal, radikal, fast sektenhaft.
Was viele nicht wissen: Zappos hat Holacracy nicht komplett übernommen. Sie haben es angepasst. Und sie haben nach Hsiehs Tod die Struktur weiterentwickelt. Das System lebt – aber nicht in der Reinform der Verfassung.
Ein anderes Beispiel, das mir näher liegt, ist Babbel. Die Sprachlernplattform hat Holacracy eingeführt, weil sie mit dem Wachstum kämpfte. Und dann – nach einem Jahr – haben sie es wieder abgeschafft. Der Grund? Sie stellten fest, dass das System für ihre spezifische Kultur und Größe nicht passte. Eine Erkenntnis, die ich in 80 % der Gespräche mit ehemaligen Holacracy-Anwendern höre: „Die ersten Monate waren fantastisch. Dann kam der Reality-Check."
Weitere Firmen, die es zumindest getestet haben: Medium (die Blogging-Plattform), Decathlon (teilweise) und diverse Tech-Startups. Aber die Liste derer, die es wieder aufgegeben haben, ist genauso lang. Das ist kein Scheitern des Systems – es ist ein Hinweis darauf, dass Holacracy ein Werkzeug mit scharfem Rand ist.
Welche Nachteile hat die Holokratie? Die Schattenseiten, über die niemand spricht
Ich habe selbst erlebt, wie Holacracy Teams zerlegen kann. Nicht, weil es böse ist. Sondern weil es maximale psychologische Sicherheit voraussetzt. Und die haben die wenigsten Unternehmen.
Komplexität und kognitive Last
Jeder Mitarbeiter muss die Verfassung kennen. Jeder muss die Meeting-Formate beherrschen. Jeder muss lernen, mit Spannungen (dem Fachbegriff für „irgendwas läuft schief") konstruktiv umzugehen. Das ist kein „Nachmittags-Workshop". Das ist ein monatelanger Lernprozess.
Ich erinnere mich an eine Kollegin – eine tolle Grafikerin –, die nach drei Monaten kündigte. Sie sagte: „Ich will keine Verfassung lesen. Ich will Bilder malen." Und sie hatte recht. Holacracy verlangt von jedem, ein Stück weit „Organisationsdesigner" zu sein. Das ist nicht für jeden attraktiv.
Widerstand und Kulturclash
Die größte Hürde ist der Kulturclash. In einer klassischen Hierarchie weiß jeder: „Mein Chef entscheidet. Ich mache." In Holacracy wird diese Klarheit durch eine andere ersetzt – aber sie fühlt sich erstmal wie Chaos an. Besonders für Menschen, die in autoritären oder stark strukturierten Umgebungen sozialisiert wurden, ist der Wechsel eine Zumutung.
Und dann ist da der Faktor Macht. Auch in Holacracy gibt es Macht. Der Kreis-Lead hat sie. Der Secretary (ein anderer Kreis-Rolle) hat sie. Aber sie ist unsichtbarer. Und unsichtbare Macht ist oft schwerer zu hinterfragen als ein Chef, der jeden Morgen im Büro steht.
| Aspekt | Klassische Hierarchie | Holacracy |
|---|---|---|
| Entscheidungsgeschwindigkeit | Langsam (viele Eskalationsstufen) | Schnell (innerhalb der Rollenbefugnis) |
| Klarheit der Verantwortung | Oft diffus | Sehr hoch (schriftlich definiert) |
| Kognitive Last für Mitarbeiter | Gering | Hoch |
| Anpassungsfähigkeit | Gering | Hoch (durch Governance) |
| Kosten der Einführung | Niedrig | Hoch (Schulung, Coaching, Tooling) |
Wie führt man Holacracy ein? Ein Leitfaden aus der Praxis
Wenn du jetzt immer noch denkst: „Das will ich versuchen", dann tu es. Aber tu es richtig. Ich habe Fehler gemacht – und hier sind die wichtigsten Lektionen:
- Lies die Verfassung. Nicht nur Zusammenfassungen. Die Verfassung. Sie ist das Fundament.
- Hol dir einen Coach. Holacracy ohne zertifizierten Coach ist wie Chirurgie ohne Skalpell. Du wirst scheitern.
- Starte mit einem Pilotkreis. Nicht die ganze Firma. Ein Team, das bereit ist, 6 Monate durchzuhalten.
- Nutze GlassFrog. Das ist das offizielle Tool für Holacracy. Es strukturiert Rollen, Meetings und Entscheidungen. Ohne GlassFrog (oder ein Äquivalent) wird es chaotisch.
- Sei bereit zu scheitern. 50 % der Einführungen werden nach einem Jahr abgebrochen. Das ist okay. Es bedeutet, dass ihr gelernt habt, was ihr braucht – und was nicht.
Ein Fehler, den ich gemacht habe: Ich dachte, wir könnten Holacracy „einfach mal im Wochenrhythmus" einführen. Falsch. Die ersten Monate brauchen wöchentliche Governance-Meetings, tägliche Tacticals und eine feste Coaching-Session alle zwei Wochen. Das ist ein Investment. Und es lohnt sich nur, wenn das Unternehmen dafür bereit ist.
Fazit: Holacracy ist kein Lifestyle – es ist ein Betriebssystem
Ich habe gelernt, Holacracy zu respektieren. Aber ich habe auch gelernt, dass es kein „besseres" System ist. Es ist ein anderes System. Es passt für Organisationen, die unter hoher Komplexität leiden, die schnelle Entscheidungen brauchen und die Mitarbeiter haben, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen – nicht als Lippenbekenntnis, sondern als tägliche Praxis.
Die Frage ist nicht: „Ist Holacracy gut?" Die Frage ist: „Ist Holacracy gut für uns – jetzt, in dieser Phase, mit diesen Menschen?"
Und wenn die Antwort „Nein" lautet? Dann ist das völlig in Ordnung. Vielleicht brauchst du nur eine klarere Hierarchie. Oder eine Soziokratie. Oder einfach ein besseres Meeting-System ohne die ganze Verfassung. Aber wenn die Antwort „Ja" lautet – dann tauch ein. Es wird dich fordern. Es wird dich verändern. Und es wird dein Unternehmen vielleicht retten – oder zumindest radikal ehrlicher machen.